Ideale und Moral
sind das beste Mittel, um das große Loch zu füllen, das man Seele nennt.
Ein solches Mittel, das die Seele zwar tötet, aber dann gleichsam im kleinen
Konserven
zum allgemeinen Gebrauch
aufbewahrt, ist seit je ihre
Verbindung mit der Vernunft, den
Überzeugungen
und dem praktischen Handeln gewesen,
wie sie alle Moralen, Philosophien
und Religionen erfolgreich durchgeführt haben. Weiß Gott, wie gesagt, was
überhaupt eine
Seele ist! Es kann gar kein Zweifel daran bestehen, daß der glühende Wunsch, nur
auf sie
zu hören, einen unermeßlichen Spielraum, eine wahre Anarchie übrigläßt. (...)
Sobald dagegen eine Seele Moral hat oder Religion, Philosophie, vertiefte
bürgerliche
Bildung (...), ist ihr ein System von Vorschriften, Bedingungen und
Durchführungsbestimmungen
geschenkt, das sie auszufüllen hat, ehe sie daran denken darf, eine
beachtenswerte Seele
zu sein, und ihre Glut wird wie die eines Hochofens in schöne Sandrechtecke
geleitet.
Es bleiben dann im Grunde nur noch logische Fragen der Auslegung übrig, von der
Art,
ob eine Handlung unter dieses oder jenes Gebot fällt, und es hat die Seele die
ruhige
Übersichtlichkeit eines Feldes nach geschlagener Schlacht, wo die Toten still
liegen
und man sofort bemerken kann, wo ein Stückchen Leben sich noch erhebt und stöhnt.
Darum vollzieht der Mensch, so rasch er kann, diesen Übergang.
Wenn ihn Glaubenssorgen quälen, wie es zuweilen in der Jugend vorkommt, geht er
alsbald zur Verfolgung Ungläubiger über; wenn ihn die Liebe verstört, macht er
aus ihr
die Ehe; und wenn ihn irgendeine Begeisterung
überwältigt,
entzieht er sich der
Unmöglichkeit, dauernd in ihrem Feuer zu leben, dadurch, daß er für
dieses Feuer
zu leben beginnt.
Robert Musil (Der Mann ohne
Eigenschaften)